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STUDIEN UND ARTIKEL

Political Risk Map 2020: Handelskonflikte belasten die politische Stabilität

 


Unternehmen in Industrie- wie Schwellenländern müssen sich 2020 in einem komplexen und oftmals volatilen politischen Klima zurechtfinden. Die Konflikte im internationalen Handel werden uns auch in diesem Jahr begleiten und den Unternehmen eine anhaltende politische und wirtschaftliche Unsicherheit bescheren. Basierend auf Daten von Fitch Solutions sondiert die Political Risk Map 2020 von Marsh das sich wandelnde Risikoumfeld und skizziert dabei insbesondere die damit verbundenen Implikationen für weltweit agierende Firmen.

2019 prägte der Übergang zu einer multipolaren Weltordnung mit den entsprechenden Einschnitten bei Multilateralismus und Freihandel das Bild. Ein Ende dieses Trends ist nicht in Sicht. Dem „Phase 1“-Handelsabkommen zwischen den USA und China zum Trotz erscheint es mehr als fraglich, ob der Handelsstreit zwischen den beiden Nationen nun dauerhaft vom Tisch ist. Strategisch vertreten beide Länder bei Themen wie dem Schutz geistigen Eigentums und der Subventionierung bestimmter Industriezweige weiterhin unvereinbare Positionen. So stellt auch der Global Risks Report 2020 des Weltwirtschaftsforums fest, dass wirtschaftspolitische Konflikte zwischen Großmächten im Jahr 2020 das bedrohlichste Risiko sind.

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Insbesondere die US-Präsidentschaftswahl im November dürfte die Rivalität zwischen China und den USA weiter anheizen. Schauplatz für diesen Konflikt wird wohl vor allem die Technologieindustrie sein. Schließlich wollen beide Länder die technologische Abhängigkeit vom jeweils anderen verringern. Da beide Länder die Handels- und Investitionsbeziehungen zum Spielball der Politik machen, wird der Konflikt auf dem Rücken der Unternehmen ausgetragen. Das Paradebeispiel hierfür ist das chinesische Telekommunikationsunternehmen Huawei: Die USA haben den Druck auf ihre Verbündeten, das Unternehmen zu boykottieren, verstärkt. Daran wird sich wohl auch 2020 nichts ändern. Weltweit werden sich immer mehr Länder zwischen Technologieanbietern aus den USA und China entscheiden müssen.

Im Nahen Osten bestimmen geopolitische Risiken die Lage. Nachdem sich der Konflikt Anfang 2020 mit der gezielten Tötung eines iranischen Generals durch die USA und den daraufhin vom Iran auf US-Stützpunkte im Irak abgefeuerten ballistischen Raketen spürbar verschärft hatte, zeigten sich zum Redaktionszeitpunkt beide Seiten um Deeskalation bemüht. Dass sich die Beziehungen zwischen den USA und Iran verbessern, ist gleichwohl unwahrscheinlich. Instabilität in der Region ist damit vorprogrammiert. Der versehentliche Abschuss eines Passagierflugzeugs durch den Iran während der jüngsten militärischen Auseinandersetzungen mit den USA dürfte die Beziehungen zur internationalen Gemeinschaft belasten. Derweil haben die europäischen Staaten formal den im Atomabkommen von 2015 vorgesehenen Streitschlichtungsmechanismus ausgelöst und damit den Fortbestand des Nukleardeals zusätzlich in Gefahr gebracht. Für Vergeltungsschläge gegen die USA könnte der Iran sein Knowhow in der asymmetrischen Kriegsführung nutzen und dabei seine Helfer mit gezielten Tötungen oder Bombenanschlägen und auch Cyberangriffen in der gesamten Region beauftragen. Auch auf die US-Verbündeten in der Region könnte der Iran Druck ausüben, indem er seine Interessen in der Straße von Hormus durchsetzt. Jegliche Blockade dort könnte den Ölhandel behindern und damit die Weltwirtschaft in Gefahr bringen. Brennpunkt des US-Iran-Konflikts dürfte der Irak sein. Die politischen Risiken für das Land sind somit immens. So wurden infolge der Vorfälle zwischen den USA und Iran im Januar im Irak die Rufe nach einem Abzug der US-Truppen lauter. Würden die USA diesem Drängen tatsächlich nachgeben, könnte die Terror-Gefahr im Irak wieder steigen.

Ein weiterer Schauplatz für politische Spannungen ist der Konflikt zwischen Russland und dem Westen, der sich auch 2020 fortsetzen dürfte. Seinen gestiegenen Einfluss im Nahen Osten wird Russland etwa durch seine Unterstützung für das syrische Regime weiter zu mehren versuchen. Im Zuge der US-Präsidentschaftswahl werden eventuelle Einmischungsversuche vonseiten Russlands – wie im Wahlkampf 2016 geschehen – genau beobachtet werden, was die Beziehungen zusätzlich belasten wird. In Europa werden auch nach dem offiziellen Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU am 31. Januar die zukünftigen Beziehungen zur EU – in wirtschaftlichen, politischen und sicherheitspolitischen Belangen – noch jahrelang auf der Tagesordnung stehen.

Auch die US-Präsidentschaftswahl wird das Jahr 2020 maßgeblich prägen. Die Wähler in den USA sind hochgradig polarisiert, und das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump hat auch nach dem Freispruch vom 5. Februar nicht gerade zur Befriedung zwischen beiden Lagern beigetragen.

Fake-News rund um die Wahl könnten die Risiken noch verschärfen.

Wirtschaftliche Unsicherheit

Wirtschaftliche und politische Risiken werden 2020 untrennbar miteinander verwoben sein. Das Hauptrisiko für die Weltwirtschaft stellen weiterhin die Handelskonflikte dar. Doch auch der Ausbruch des neuen Coronavirus (Covid-19) könnte den Handel und die Lieferketten maßgeblich beeinträchtigen. Die Weltbank erwartet für 2020 ein weltweites Wachstum von 2,5% und hat damit ihre Prognose von 2019 (2,4%) leicht erhöht. Die Handelsstreitigkeiten könnten die weltweite Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 700 Milliarden US-Dollar schmälern, und die Unternehmen sehen weiterhin pessimistisch in die Zukunft. Von den Teilnehmern der Global Risks Perception Survey 2019-2020 des Weltwirtschaftsforums rechnen 78% damit, dass die wirtschaftspolitischen Konflikte 2020 zunehmen werden. Anlass zur Sorge bietet nach wie vor auch die weltweite Verschuldung. So hat die Schuldenquote in den Schwellenländern bis Ende 2018 einen Wert von 170% des BIP erreicht. Vor dem Hintergrund der instabileren globalen Wachstumsaussichten, der Tendenz zu Haushalts- und Leistungsbilanzdefiziten, des nachlassenden Produktivitätswachstums und der stärkeren Neigung zu riskanteren Fremdfinanzierungen bergen die höheren Schuldenstände erhebliche Risiken für die Finanzstabilität an vielen Märkten.

Gleichzeitig dürfte die Resilienz gegenüber wirtschaftlichen Schocks 2020 nachlassen. Mit der Abkehr von Multilateralismus und internationaler Zusammenarbeit könnte auch die Bereitschaft der Staaten zu konzertierten Aktionen gegen eine weltweite Wirtschaftskrise schwinden. Auch der Spielraum für geld- und konjunkturpolitische Impulse ist schon jetzt weitgehend ausgereizt.

Trotz dieses starken Gegenwinds aus unterschiedlichen Richtungen müssen die Staaten einen schwierigen Balanceakt meistern: Um wirtschaftliche Ungleichgewichte auszugleichen, müssen sie Strukturreformen anstoßen, die jedoch den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Gefahr bringen. Viele lateinamerikanische Länder können ein Lied von diesem Dilemma singen, das sich exemplarisch an den Protesten in Bolivien, Chile, Kolumbien und Ecuador zum Ende des Jahres 2019 ablesen lässt. Hauptursache für die Unruhen war die Unzufriedenheit über sinkende Lebensstandards, wachsende Armut und die lang andauernde staatliche Sparpolitik. Doch das Risiko von Massenprotesten ist nicht auf Lateinamerika beschränkt: Auch im Irak, Iran, Libanon, in Frankreich und Hongkong kam es zu Unruhen. Soziale und wirtschaftliche Stabilität miteinander in Einklang zu bringen wird auch 2020 die politische Agenda diverser Länder bestimmen. Für Unternehmen, die an diesen Märkten präsent sind, steigen damit die politischen Risiken.

Die Risiken im Griff behalten

Auch wenn die Political Risk Map 2020 umfangreiche geopolitische und wirtschaftliche Herausforderungen für die Zukunft aufzeigt, birgt so manches Segment weiterhin erhebliches Chancenpotenzial. So dürften sich die Schwellenmärkte 2020 mit einem realen BIP-Wachstum von 4,3% (nach 3,9% im Jahr 2019) gut entwickeln. Überall in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und in Asien besteht Investitionsbedarf in die Transportinfrastruktur, in Logistiknetze und in die Energieversorgung. Expertise und Investitionen aus dem Ausland könnten dabei von entscheidender Bedeutung sein.

Unternehmen, die sich solche Chancen zunutze machen wollen, müssen sich jedoch in einem komplexen und dynamischen Risikoumfeld zurechtfinden. Ihnen drohen politische Risiken wie Währungsinkonvertibilität, Handelsembargos, Beschlagnahme von Vermögenswerten durch die Zielländer und politische Gewalt. Zudem steigt durch die erhöhte Staatsverschuldung und die schwächeren makroökonomischen Fundamentaldaten bei Verträgen mit staatlichen Stellen der Zielländer die Wahrscheinlichkeit von Zahlungsausfällen.

Versicherungen gegen politische Risiken (Political Risk Insurance – PRI) können in Kombination mit fundiertem Wissen über die für ein Unternehmen bestehenden politischen Risiken den Unternehmen dabei helfen, ihr Risiko im Griff zu behalten und das bestehende Chancenpotenzial auszuschöpfen.

Der private PRI-Markt bietet verschiedene Versicherungslösungen für Kreditausfallrisiken und politische Risiken, die die Versicherungsnehmer entweder als Einzelbausteine oder im Gesamtpaket abschließen können, um so eine individuell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Absicherung zu erhalten. Die Versicherer bieten maßgeschneiderte Policen gegen Kreditausfälle und den Verlust von Kapitalbeteiligungen, Betriebsvermögen und Cashflows an, die beispielsweise durch folgende Umstände verursacht werden:

  • Aufgabe von Betriebsstätten aufgrund von Krieg, Terrorismus und anderen Formen politischer Gewalt
  • Schäden an Betriebsvermögen aufgrund von politischer Gewalt, einschließlich Krieg, und daraus resultierende Ertragsverluste
  • Beschlagnahme, Enteignung, Verstaatlichung und Entzug von materiellen Vermögenswerten oder Kapitalbeteiligungen
  • Zwangsveräußerung von Auslandsinvestitionen auf staatliche Anordnung aus dem Heimatland des Investors
  • Ungerechtfertigter Entzug von Zulassungen, Lizenzen oder Abbaurechten durch staatliche Stellen
  • Störung der Geschäftsgrundlage oder Kündigung eines Vertrags aufgrund von Vertragsverletzungen oder sonstigen Maßnahmen staatlicher Vertragspartner
  • Blockade grenzüberschreitender Zahlungsströme aufgrund von Währungstransfer- und Konvertierungsverboten
  • Aus-/Einfuhrbeschränkungen, die Verluste aus Handelsgeschäften verursachen
  • Nichtbefolgung von Schiedssprüchen durch staatliche Stellen (Vertragsbruch)
  • Zahlungsausfall privatwirtschaftlicher Schuldner

Angesichts der unsteten geopolitischen Lage und der wirtschaftlichen Unsicherheit ist das Interesse der Versicherungsgesellschaften, Angebote gegen politische Risiken aufzulegen, groß. Der PRI-Markt hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt, und das Angebot an Versicherungslösungen ist so gut wie nie zuvor.

Absichern können sich Unternehmen gegen die diversen Ausgestaltungen politischer Risiken über drei Marktsegmente, die zwar miteinander verwandt sind, sich aber dennoch unterscheiden.

Neben PRI-Lösungen kommen für Unternehmen, die sich gegen die relevanten Sicherheits- und Personenrisiken absichern wollen, auch Versicherungspolicen gegen politische Gewalt und Terrorismus sowie gegen Entführungen und Erpressungen in Betracht.

Europa

In Großbritannien brachte der Ausgang der Wahl im Dezember 2019 eine Entspannung politischer Risiken. Die Konservative Partei sicherte sich die komfortabelste Mehrheit der letzten zehn Jahre im britischen Parlament, was insgesamt auf mehr Stabilität hoffen lässt. Zum 31. Januar wurde der Austritt Großbritanniens aus der EU vollzogen. Nun richtet sich der Fokus auf die Verhandlungen über die zukünftigen Beziehungen zu Europa.

Da die Übergangsfrist im Dezember 2020 ausläuft, wird der Druck, sich auf ein Handelsabkommen zu einigen, mit jedem Monat steigen. Die Lücke, die der Brexit in den EU-Haushalt reißt, soll durch höhere Beiträge der übrigen Mitgliedstaaten ausgeglichen werden. Unterdessen wird Ursula von der Leyen als neue EU-Kommissionspräsidentin 2020 nutzen, um ihren „Green Deal“ für Europa durchzusetzen.

In Griechenland eroberte die konservative Nea Dimokratia bei den Parlamentswahlen im Juli 2019 die Mehrheit und kann so ihre wirtschaftsfreundliche Politik vorantreiben, den Haushalt weiter sanieren und die Gläubiger des Landes besänftigen. Fitch Solutions reagierte darauf mit einer Anhebung des kurzfristigen politischen Risikoindex (STPRI) für Griechenland von 61,0 auf 65,2, wodurch Griechenland innerhalb Europas in die Riege der Länder mit der deutlichsten Verbesserung aufrückt. Ein Anstieg des STPRI-Werts zeugt von höherer politischer Stabilität und fließt in die Ergebnisse des Gesamtindex zum politischen Risiko von Fitch Solutions ein.

In Italien droht 2020 wegen der in vielen Fragen gegenläufigen Positionen der Partner eine Zerreißprobe für die Koalition zwischen den Sozialdemokraten und der Fünf-Sterne-Bewegung. Mit diesem Zweckbündnis sollten Neuwahlen abgewendet und die rechte Lega ins Abseits gedrängt werden, was sich jedoch als kurzes Glück erweisen könnte. Das anstehende Referendum über eine Verfassungsreform und die Verhandlungen über die Zukunft des Stahlwerks Ilva stellen die Koalition auf die Probe.

Europa: Größter Anstieg des kurzfristigen politischen Risikoindex in Großbritannien.

Nordamerika

In den USA dreht sich auf politischer Ebene 2020 alles um die im November anstehenden Präsidentschaftswahlen, die von einer tief gespaltenen Wählerschaft zeugen dürften.

Politische Neuerungen wird es bis zur Wahl kaum geben, da sich beide Parteien voll auf die Wahl konzentrieren. Gleichzeitig wächst durch das Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Trump der Graben zwischen den politischen Lagern, der sich bereits an den unterschiedlichen Mehrheiten in den beiden Kammern des US-Kongresses manifestiert.

Die Spannungen zwischen den USA und Mexiko dürften indes 2020 nachlassen, haben doch beide Länder inzwischen das Freihandelsabkommen USMCA zwischen den USA, Mexiko und Kanada abgesegnet, das den Handelspakt NAFTA ablöst. Auch Kanada dürfte das Abkommen in Kürze ratifizieren, sodass mit der Umsetzung den Unternehmen die Sorge über Unterbrechungen der Lieferkette in Nordamerika genommen werden könnte. In Mexiko selbst bleiben die Risiken unterdessen hoch. Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador demonstrierte 2019 Pragmatismus in Wirtschaftsfragen. 2020 droht jedoch Gegenwind, der ihn stärker in Richtung populistischer Entscheidungen drängen könnte.

Lateinamerika und Karibik

In zahlreichen Ländern Lateinamerikas ist ein Anstieg politischer Risiken zu beobachten, da der Balanceakt zwischen Wirtschaftsreformen und politischer Stabilität die Regierungen vor immer größere Schwierigkeiten stellt. So wurden Ende 2019 Kolumbien, Chile, Ecuador, Haiti und Bolivien zum Schauplatz von Protesten gegen die Regierung, die die Stabilität dieser Länder gefährdeten. Bemerkenswert war dabei das Ausmaß der Gewalt bei einigen dieser Demonstrationen.

Chile zählte lange zu den Ländern mit dem stabilsten Geschäftsumfeld in der Region, wurde von Fitch Solutions jedoch mit einer Herabstufung des STPRI-Werts von 74,8 auf 66,7 und damit der deutlichsten Verschlechterung in der Region und dem dritthöchsten Minus weltweit abgestraft. Wegen der Unruhen wird zum Jahresende 2020 mit einem 4,5% geringeren Wirtschaftswachstum gerechnet als noch vor den Protesten. Für 2020 hat die Regierung von Präsident Sebastián Piñera ein Maßnahmenpaket von 5,5 Milliarden US-Dollar sowie Verfassungsreformen angekündigt, um die Proteste einzudämmen.

Zwar hatten die Unruhen in den verschiedenen Ländern unterschiedliche Auslöser, die eigentlichen Ursachen – schlechte Versorgung ärmerer Bevölkerungsschichten, unzureichende Wirtschaftsreformen, sinkender Lebensstandard und soziale Ungerechtigkeit – sind jedoch in den meisten Ländern gleich und werden 2020 fortbestehen, was die Gefahr weiterer Proteste steigert. Und durch die beschränkten Haushaltsmittel sind den Regierungen die Hände gebunden, den Forderungen der Demonstranten nachzukommen.

Auch in Bolivien bleibt die politische Lage 2020 nach dem Rücktritt von Präsident Evo Morales im November 2019 wegen mutmaßlichen Wahlbetrugs instabil. Die für Anfang 2020 angesetzten Neuwahlen könnten zum Kampf zwischen den Anhängern von Morales und der jungen rechtsgerichteten Bewegung des Landes werden. Die Chancen auf ein Ende der politischen Krise in Venezuela stehen 2020 ebenfalls nicht gut. Die Versuche von Oppositionsführer Juan Guaidó, Präsident Nicolas Maduro zu entmachten, obwohl dieser von 50 Ländern als Staatsoberhaupt anerkannt worden war, blieben ohne Erfolg.

In Argentinien wird sich 2020 zeigen, welche politische Linie Präsident Alberto Fernández genau verfolgt. In Anlegerkreisen bleibt man indes wachsam, ob das Land zu seiner interventionistischen Wirtschaftspolitik zurückkehrt. Mit Blick auf den Konjunkturrückgang, die hohe Inflation und die Abwertung der Landeswährung dürfte sich Fernández zu Umschuldungsgesprächen gezwungen sehen. Im Gegensatz dazu spricht vieles für eine Fortsetzung des investorenfreundlichen Reformkurses Brasiliens, auch wenn die für Oktober 2020 angesetzten Kommunalwahlen diesen etwas ausbremsen könnten.

Lateinamerika: In Chile deutlichste Veränderung der kurzfristigen politischen Risikobewertung.

Asiatisch-pazifischer Raum

Von allen Ländern musste Hongkong die zweitgrößte Verschlechterung des STPRI-Werts hinnehmen. Grund waren die monatelangen gewaltsamen Proteste in der Sonderverwaltungszone, die die Beziehungen zu Festlandchina schwer belastet haben. Dass die Regierung die Forderungen der Demonstranten 2020 erfüllt, ist eher unwahrscheinlich. Halten die Unruhen jedoch an, wächst die Gefahr eines militärischen Einschreitens Chinas in Hongkong.

Auch in Indien nehmen die politischen Risiken zu. Im Dezember 2019 löste das neue Staatsbürgerschaftsgesetz (Citizenship Amendment Act) heftige Proteste aus und bietet 2020 wohl Anlass zu Auseinandersetzungen zwischen der Zentralregierung und den Regierungen der Bundesstaaten, was wiederum die Autorität von Premierminister Narendra Modi gefährden wird.

Nach der Annäherung zwischen den USA und Nordkorea im Jahr 2018 befinden sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern in einer Sackgasse, wodurch der Prozess, Nordkorea zum Ausstieg aus seinem Atomprogramm zu bewegen, ins Stocken gerät. Zwar ist Nordkorea daran gelegen, die Goodwill-Diplomatie zwischen Staatsoberhaupt Kim Jong-Un und US-Präsident Trump nicht zu gefährden, das Land wird sich aber sicher dagegen sträuben, sein Atomprogramm für eine Lockerung der US-Sanktionen aufzugeben.

Asia/Pazifik: Hongkong mit der deutlichsten Veränderung der kurzfristigen politischen Risikobewertung in der Region.

Naher Osten

Das politische Klima dürfte 2020 vor allem unter dem Einfluss der Beziehungen zwischen den USA und dem Iran stehen. Auch wenn keine der Parteien an einer direkten militärischen Auseinandersetzung interessiert ist, besteht die Gefahr einer ungewollten Eskalation des Konflikts. Der Iran wird möglicherweise seine Helfer in der Region mobilisieren, um den Druck auf die USA und deren Verbündete in den Golfstaaten zu erhöhen. Dabei könnte der Irak ins Zentrum der Auseinandersetzungen geraten.

Denkbar sind gezielte Ermordungen sowie Anschläge auf Militärstützpunkte und/oder kritische Energieinfrastruktur. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dass der Iran seine Präsenz in der Straße von Hormus verstärkt, was eine Gefahr für die kommerzielle Schifffahrt darstellt. Das Atomabkommen mit dem Iran (Joint Comprehensive Plan of Action) wird 2020 erneut auf die Probe gestellt, nachdem die EU im Januar 2020 einen Streitschlichtungsmechanismus für das Abkommen ausgelöst hat. Die strengen US-Sanktionen gegen den Iran werden die Wirtschaft des Landes zusätzlich belasten und Proteste befeuern.

In anderen Teilen der Region nährt der Kurswechsel Saudi-Arabiens hin zu einer Deeskalation durch weniger Luftangriffe und Aufnahme von Gesprächen mit den Huthi-Rebellen die Hoffnung auf erste vorsichtige Fortschritte bei der Umsetzung eines Waffenstillstands im Jemen. Eine endgültige Beilegung des Konflikts ist 2020 jedoch nicht zu erwarten. Der andere große Krisenherd der Region ist Syrien, wo Machthaber Baschar al-Assad wie schon 2019 mit russischer Unterstützung weitere Gebiete zurückerobern möchte und so Friedensgespräche unwahrscheinlich macht.

Naher Osten: Wenig Veränderung der kurzfristigen politischen Risikobewertungen im Nahen Osten.

Afrika

Vor dem Hintergrund der weltweit bestehenden großen Herausforderungen dürfte sich Afrika 2020 in wirtschaftlicher Hinsicht positiv hervortun. So prognostiziert der Internationale Währungsfonds den afrikanischen Ländern südlich der Sahara für 2020/21 eine Wachstumsbeschleunigung von 3,3% im Vorjahr auf 3,5%. Doch es bestehen auch Abwärtsrisiken durch die steigende Auslandsverschuldung der afrikanischen Länder.

Die westafrikanischen Staaten werden 2020 alle Mühe haben, Sicherheitsrisiken zu kontrollieren, da islamische Milizen verstärkt in der Sahelzone wüten. 2019 stieg die Zahl der Todesopfer durch bewaffnete Konflikte in der Region auf den höchsten Wert seit 2012. Dabei machten sich die Terrorgruppen die schlecht gesicherten Grenzen und die Machtlosigkeit regionaler Institutionen zunutze. Im Januar 2020 kam es zu einer Eskalation der Gewalt, als bei einem einzigen Angriff militanter Gruppen 89 nigerianische Soldaten getötet wurden. Auch 2020 wird trotz der verbesserten Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen und dem Versprechen Frankreichs, weitere Truppen zu entsenden, von Unsicherheit geprägt sein.

Zudem stellen die Wahlen in Togo, der Elfenbeinküste, Guinea, Burkina Faso und Mali ein Risiko für die politische Stabilität dar. Die Elfenbeinküste wählt 2020 einen neuen Präsidenten, und schon jetzt befeuern die Kandidaten den Nord-Süd-Konflikt im Land und ebnen so den Weg für Gewalt im Zusammenhang mit der Wahl.

Südafrika wird 2020 trotz des Wirtschaftsprogramms der Regierung alle Mühe haben, die Konjunktur vor dem Hintergrund weiterhin hoher Eventualverbindlichkeiten staatlicher Unternehmen spürbar anzuheizen. Als reformhemmend dürften sich auch die Divergenzen innerhalb des regierenden African National Congress erweisen.

Ruanda glänzt im Kreise der afrikanischen Länder mit der deutlichsten Verbesserung des STPRI-Werts von 64,2 auf 68,5. Zu verdanken ist dies der politischen Vormachtstellung von Präsident Paul Kagame und der daraus resultierenden politischen Stabilität, die wiederum für anhaltendes Wirtschaftswachstum und ein stabiles Geschäftsklima sorgt.

Schlusslicht der Region bildet der Sudan mit einer Verschlechterung des STPRI-Werts von 36,3 auf 21,7. Hier hat sich die politische Lage verschärft, seitdem der ehemalige Machthaber Umar al-Bashir im April 2019 durch einen Militärputsch gestürzt wurde. Zwar einigten sich Militär und Vertreter der Zivilgesellschaft auf eine Übergangsregierung, die massiven Spannungen zwischen den beiden Lagern werden 2020 jedoch bleiben. Nach wie vor besteht die Gefahr, dass das Militär den Demokratisierungsprozess zu torpedieren versucht.

Afrika: Sudan mit deutlicher Verschlechterung der kurzfristigen politischen Risikobewertung