Jens Klawun
Head of Trade Credit
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Germany
Der Ausbau der digitalen Infrastruktur gewinnt an Fahrt. Große Rechenzentren wachsen weiter, und lokale Rechenzentren bzw. Micro-Rechenzentren werden umfassend modernisiert, um mit dem steigenden digitalen Datenverkehr Schritt zu halten. Die Folge ist ein ständig wachsender Energiebedarf.
Für Versorgungsunternehmen und unabhängige Stromerzeuger eröffnet dieser Anstieg große wirtschaftliche Chancen. Er kann aber auch erhebliche Risiken mit sich bringen und unterstreicht, wie wichtig es ist, Kapital zu schützen, wenn sehr große, langfristige Stromliefervereinbarungen eingegangen werden.
Rechenzentren haben sich schnell zu einer der energieintensivsten Formen kommerzieller Infrastruktur entwickelt. Obwohl Effizienzsteigerungen den Strombedarf pro KI-Aufgabe verringern, wird sich der weltweite Energieverbrauch von Rechenzentren mehr als verdoppeln – von rund 415 Terawattstunden im Jahr 2024 auf 945 Terawattstunden bis 2030.
Um diese Nachfrage zu decken, müssen Energieanbieter möglicherweise erhebliche Investitionen in den Ausbau ihrer Erzeugungskapazitäten und die Modernisierung der Stromnetze tätigen.
Eine der zentralen Herausforderungen ist der schnelle Technologiewandel in Rechenzentren. Größere Effizienzgewinne könnten dazu führen, dass der zukünftige Strombedarf deutlich niedriger ausfällt als derzeit prognostiziert. Das kann für Energieversorger eine schwierige Dynamik schaffen. Die meisten Stromabnahmeverträge laufen 15 Jahre, einige sogar bis zu 25 Jahre, und in dieser Zeit erwartet der Anbieter, sein Investment wieder einzuspielen. Die Verpflichtungen der Mieter von Rechenzentren sind in der Regel jedoch deutlich kürzer.
Diese unterschiedlichen Zeithorizonte können Energieversorger dem Risiko sogenannter „stranded assets“ aussetzen – also Anlagen, die lange vor Amortisation der Investition nur noch unzureichend ausgelastet sind.
Für regulierte Versorgungsunternehmen kann ein Vertragsausfall schnell schwierige Situationen schaffen, in denen entschieden werden muss, wer letztlich die Kosten nicht gedeckter Investitionen trägt. Die Weitergabe von stranded costs an die Kunden oder ihre Übernahme auf Ebene der Anteilseigner dürften beides unpopuläre Optionen sein. Unabhängige Stromerzeuger mit kleineren Bilanzen könnten sogar noch direktere finanzielle Folgen spüren.
Diese Realität wirft für Versorgungsunternehmen und unabhängige Stromerzeuger eine wichtige Frage auf: Wie können sie am Rechenzentrum-Boom teilhaben, ohne ihre Bilanzen zu gefährden, falls sich die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern?
In vielen Fällen verlangen Versorgungsunternehmen und Netzbetreiber finanzielle Sicherheiten, wenn ein Rechenzentrum ans Netz angeschlossen wird oder eine langfristige Stromabnahmevereinbarung abschließt. Diese Absicherungen können besonders während der Bauphase und in den ersten Jahren eines Stromabnahmevertrags wichtig sein, wenn der Energieversorger bereits erhebliche Verpflichtungen eingeht, bevor die Vereinbarung vollständig wirksam ist. Ziel ist es, das Ausfallrisiko zu verringern – etwa wenn die vereinbarte Stromabnahme über die Laufzeit nicht eingehalten und/oder der Strom nicht bezahlt wird. Sie helfen dabei, das in Netzanschluss, Übertragungsnetzausbau, Erzeugungsanlagen und andere langfristige Verpflichtungen investierte Kapital zu schützen.
Traditionell sind Akkreditive die übliche Form der Besicherung in solchen Vereinbarungen, da sie bekannt, weithin als liquide angesehen und verlässlich sind. Bürgschaftsgarantien von Versicherungsunternehmen werden ebenfalls zunehmend eingesetzt, insbesondere wenn Entwickler vermeiden wollen, große Kapitalbeträge als Sicherheiten zu binden, und dennoch einen realisierbaren Schutz mit Rückendeckung erstklassig bewerteter Versicherer bieten möchten.
Bürgschaften werden typischerweise zur Absicherung einer bestimmten vertraglichen Verpflichtung eingesetzt. Ein Entwickler, Eigentümer oder Betreiber eines Rechenzentrums kann eine Bürgschaft abschließen, um eine Netzanschlussverpflichtung oder eine zahlungsbezogene Anforderung im Rahmen eines langfristigen Stromabnahmevertrags abzusichern. Wenn diese Verpflichtung nicht erfüllt wird, bietet die Garantie dem Begünstigten eine klar definierte Regressmöglichkeit. Dadurch können Bürgschaftsgarantien besonders dann sinnvoll sein, wenn eine eindeutig umrissene Verpflichtung abgesichert werden soll, ohne die Liquidität der die Garantie gebenden Partei zu binden.
Akkreditive können einen ähnlichen Zweck erfüllen und werden je nach Vertragspartner, Markt oder Struktur der Transaktion in einigen Fällen weiterhin bevorzugt.
In Fällen, in denen ein Entwickler oder Betreiber eines Rechenzentrums die verfügbare Bürgschaftskapazität nutzen möchte, der Netzbetreiber, das Versorgungsunternehmen oder der unabhängige Stromerzeuger jedoch ausschließlich ein von einer Bank ausgestelltes Akkreditiv akzeptiert, kann eine durch eine Bank gefrontete Lösung eingesetzt werden.
Für viele Energie- und Stromanbieter sind die mit dem Ausbau digitaler Infrastruktur verbundenen Verpflichtungen im Gigawatt-Bereich beispiellos im Vergleich zu dem, was sie bislang in ihren Bilanzen getragen haben. Deshalb benötigen viele Unternehmen mehrere Versicherungsinstrumente, um ihre Risiken über den gesamten Lebenszyklus ihres Vertrags wirksam abzudecken.
Die Warenkreditversicherung adressiert das Ausfallrisiko und das Risiko der Nichtzahlung durch das Rechenzentrum auf eine andere Weise und trägt dazu bei, die eigene Bilanz des Anbieters vor dem Verlust einer unerwarteten Einnahmequelle zu schützen. In diesem Fall schließt das Versorgungsunternehmen oder der unabhängige Stromerzeuger eine Versicherung ab, um sich gegen das durch die Vereinbarung dem Vertragspartner entstehende Risiko abzusichern. Falls der Kunde ausfällt oder die vertraglich vereinbarte Verpflichtung nicht mehr erfüllen kann, kann die Police das daraus resultierende Nichtzahlungsrisiko absichern. Dies kann besonders wichtig sein, wenn der Anbieter bereits erhebliches Kapital in die Erzeugung, Übertragung oder andere Infrastruktur investiert hat und darauf angewiesen ist, diese Investition über Jahre der Vertragserfüllung zu amortisieren.
Das bedeutet jedoch nicht, dass die Warenkreditversicherung andere Schutzformen ersetzen soll. In vielen Fällen werden verschiedene Lösungen geprüft und bewertet, und die Warenkreditversicherung kann neben Bürgschaften, Akkreditiven und anderen Kreditinstrumenten eingesetzt werden, um das Zahlungsrisiko abzudecken. Entscheidend ist zu verstehen, wofür jedes Produkt konzipiert ist, und ein Versicherungsprogramm aufzubauen, das ein umfassendes Schutzniveau bietet.
Angesichts der enormen Größe dieser Verträge – bei einigen energiebezogenen Investitionen für Rechenzentren geht es um Milliardenbeträge – müssen Schutzmechanismen oft über mehrere Märkte und Produkte hinweg kombiniert werden, statt über eine einzelne Kapazitätslinie abgedeckt zu werden. Auch dies unterstreicht, wie wichtig es ist, eine Struktur zu entwickeln, die Anbieter, Kreditgeber und andere Stakeholder wirksam schützt.
Der Aufbau eines angemessenen Programms beginnt mit einer sorgfältigen Prüfung und Einschätzung, wie viel Kapital tatsächlich gefährdet ist und welche Schutzmaßnahmen bereits vorhanden sind. Der nächste Schritt besteht darin, festzustellen, wie viel Deckung erforderlich ist, um die relevanten Stakeholder zufriedenzustellen. Eine präzise Analyse ist entscheidend – ist die Struktur zu eng gefasst, löst sie das zugrunde liegende Problem möglicherweise nicht; ist sie zu weit gefasst, zahlt der Versicherte am Ende vielleicht für unnötigen Schutz, der das tatsächliche Risiko nicht widerspiegelt.
Hier kann die Beratung durch Spezialisten den Unterschied machen. Energieversorger und unabhängige Stromerzeuger benötigen nicht nur Zugang zu Versicherungskapazitäten, sondern oft auch Unterstützung dabei, ihre Risiken zu quantifizieren, die Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Produkten zu verstehen und die für ihre Transaktion passende Struktur zu wählen. Die Antwort kann je nach Art des Risikos unterschiedlich ausfallen – ob es um Risiken beim Netzanschluss, um einen konkreten Vertragsausfall, um langfristige Ausfallrisiken, um Erwartungen von Kreditgebern oder um einen umfassenderen Schutz der Bilanz geht.
Auch wenn weiterhin Kapazitäten verfügbar sind, sind diese begrenzt und nicht immer in einem einzigen Markt oder über eine einzige Produktschiene ausreichend verfügbar. Daher wird es immer wichtiger, in einem Versicherungs-Toolkit zu denken statt in einer einzelnen Lösung, die alle Risiken abdeckt.
Unsere Spezialisten bei Marsh haben zusammen mit Versicherern Programme entwickelt, um solche Risiken zu adressieren, darunter auch eine jüngste Platzierung, bei der mehrere (Kredit-)Versicherungsformen kombiniert wurden, um ein Exposure von mehr als 5 Milliarden US-Dollar abzusichern.
Dieses Risiko ließ sich nicht mit einer Standardlösung abdecken. Erforderlich waren eine detaillierte Analyse des zugrunde liegenden Risikos, die Festlegung eines sinnvollen Schutzumfangs und die Entwicklung einer mehrschichtigen Struktur, die ein sehr großes und langlaufendes Exposure absichern kann.
Solche Platzierungen zeigen, dass sich selbst Risiken dieser Größenordnung mit der richtigen Versicherungsstruktur beherrschen lassen. Da der Ausbau von Rechenzentren weiter zunimmt und Stromverträge immer größere Volumina erreichen, können Credit-Lösungen eine wichtige Rolle dabei spielen, das eingesetzte Kapital zu schützen, wenn sich eine langfristige Verpflichtung im Zeitverlauf verändert, an Wert verliert oder ganz entfällt.
Head of Trade Credit
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Head of Energy & Power Germany