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Die Versicherung politischer Risiken im Rahmen der Transportwaren- und Schiffskaskoversicherung

Absicherung politischer Risiken (inkl. Kriegsrisiken) in Transportwaren- und Schiffskaskoversicherung: übliche Ausschlüsse, Zusatzdeckungen, Marktveränderungen und Folgen für Logistik und Lieferketten.

Einleitung

Die Absicherung politischer Risiken, insbesondere der Kriegsrisiken, hat seit jeher in der Transportwaren- und Schiffskaskoversicherung eine besondere Bedeutung. In den Standardpolicen werden sie zunächst regelmäßig ausgeschlossen und sind nur über spezielle Klauseln oder Zusatzdeckungen versicherbar. Die branchenüblichen Praktiken, die Marktdynamik nach Ausbruch geopolitischer Krisen sowie die praktischen Folgen für Logistik und Lieferketten verdienen eine differenzierte Betrachtung.

Deckungsmechanik

Kriegsrisiken sind in den Basisverträgen standardmäßig ausgenommen. Deckung wird in der Regel durch explizite Wiedereinschlussklauseln, Sondervereinbarungen oder separate Zusatzdeckungen gewährt. In der Transportwarenversicherung werden Kriegsrisiken i. d. R. nur für See- und Lufttransporte angeboten; Landtransporte gelten in vielen Märkten häufig als nicht oder kaum versicherbar.

Ein typisches Merkmal aller Kriegsdeckungen sind besondere Kündigungsrechte der Versicherer. Nach Eintritt eines Kriegsereignisses können Versicherer die Kriegsdeckung meist mit kurzen Fristen — häufig 48 Stunden bis zu sieben Tagen — kündigen. Nach einer solchen Kündigung ist ein Wiedereinschluss möglich, wenn sich Versicherer und Versicherungsnehmer auf eine zusätzliche Prämie einigen. Diese Praxis spiegelt unter anderem die ökonomische Realität wider: Basisprämien sind traditionell günstig kalkuliert, weil sie von einem Weltfrieden ausgehen. Das plötzliche Auftreten eines Kriegsereignisses verändert jedoch das Risiko- und Expositionsbild drastisch, so dass eine Risikoneubewertung und Prämienanpassung erforderlich sind.

Institutionelle Rahmenbedingungen: Joint War Committee und Cargo Watchlist

Zur Steuerung und Transparenz im Markt tragen institutionelle Mechanismen bei. Das Joint War Committee (JWC) und Joint Cargo Committee (JCC) sind zentrale Instanzen der Versicherungsbranche, die Gefahren- und Sperrgebiete definieren und öffentlich bekanntgeben. Solche Listen und Klassifizierungen sind für die Marktteilnehmer wichtige Faktoren für die Einschätzung, ob und zu welchen Bedingungen Deckung angeboten wird.

Marktreaktionen bei geopolitischen Eskalationen — Beobachtungen am Beispiel des Iran-Konflikts

Das Verhalten der Versicherer variiert je nach Sparte und nationalem Markt. Bei Eskalationen im Nahen Osten zeigten sich deutliche Muster: Kaskoversicherer handelten tendenziell sehr schnell und konsequent. Viele Kaskoversicherer sprachen unmittelbar nach Beginn des Konfliktes die Kündigung der Kriegsdeckung für betroffene Seegebiete aus. Warenversicherer agierten international zunächst etwas zurückhaltender als die Kasko-Seite, kündigten jedoch ähnlich konsequent, sobald die Risiko Neubewertung durch das Joint Cargo Committee vorlag.

Auf nationaler Ebene in Deutschland war das Vorgehen selektiver: Versicherer kündigten nicht flächendeckend und pauschal, sondern differenzierten nach Güterarten, Transportarten und individuellem Exposure.

Die Differenzierung zwischen Kasko- und Warenversicherern ist plausibel: Das Kumulationsrisiko (gleichzeitiges Schadenpotenzial vieler Schiffe in einem begrenzten Gebiet) ist in der Kaskoversicherung deutlich höher als in der Warenversicherung. Entsprechend schnitten Kaskoversicherer ihre Exposition rascher zurück. Die Kündigungen bezogen sich dabei nicht nur auf den Persischen Golf selbst, sondern oft auch auf die Gewässer umliegender Staaten.

Wiedereinschlüsse und Prämienentwicklung

Wiedereinschlüsse sind sowohl in der Waren- als auch in der Kaskoversicherung weiterhin möglich, jedoch nur gegen deutliche Prämienzuschläge. Seit Beginn des Irankonfliktes sind die Preise spürbar gestiegen — in der Kaskoversicherung teilweise vervielfacht gegenüber dem „normalen“ Prämienniveau. Damit wird die optionale Fortführung des Betriebs teuer, aber möglich; die Versicherbarkeit ist also nicht zwangsläufig aufgehoben, wohl aber erheblich verteuert.

Trotz gestiegener Prämien ist die Verfügbarkeit von Deckung häufig nicht das eigentliche Kriterium für Reeder, die Region zu meiden. Viel wichtiger sind operative und humane Faktoren: Die Sicherheit und Unversehrtheit der Besatzung lässt sich nicht durch Versicherungen herstellen. Leben und körperliche Unversehrtheit der Crew sind für Reeder wichtiger als finanzielle Entschädigungen für Schiff oder Ladung — daher wird die Region vielfach schlicht gemieden, unabhängig von der Frage der Versicherbarkeit.

Praktische und volkswirtschaftliche Folgen

Die Versicherungsveränderungen und das veränderte Verhalten der Schifffahrt haben spürbare praktische Auswirkungen.

  • Logistischer Mehraufwand: Reeder erklärten Reisen vorzeitig für beendet und lösten Ladungen in erstbesten Häfen, was Umladungen, zusätzliche Transportketten und Verzögerungen verursacht.
  • Routenänderungen: Landbrücken und alternative Seewege (z.B. Meidung des Roten Meers) werden verstärkt genutzt, was Transportzeiten und -kosten erhöht.
  • Lieferkettenanfälligkeit: Die Krise macht erneut die Verwundbarkeit globaler Lieferketten deutlich — Abhängigkeiten von Nadelöhren führen zu hohen volkswirtschaftlichen Folgekosten.
  • Limitierte Versicherungsabdeckung für Folgeeffekte: Kriegsversicherungen decken in der Regel nur unmittelbare physische Schäden an Schiff oder Ladung. Die mittelbaren Schäden durch gestörte Lieferketten — Produktionsausfälle, Marktverzerrungen, Kosten für Eiltransporte — sind volkswirtschaftlich oftmals weitaus höher und weitgehend unversicherbar.

Fazit

Die Versicherung politischer Risiken bleibt ein hochspezialisiertes und dynamisches Feld. Das Modell — Ausschluss in Standardpolicen, optionale Wiedereinschlüsse mit kurzen Sonderkündigungsrechten und Prämienanpassungen — ist nicht erst seit dem Irankonflikt ein erprobtes Modell. Die jüngsten Marktreaktionen zeigen, dass Versicherer strukturell vorsichtig auf kumulative Kaskorisiken reagieren, während Warenversicherer differenzierter agieren. Entscheidend bleibt jedoch: Versicherungsschutz kann materielle Risiken mindern, aber nicht die operativen und humanitären Gründe ersetzen, aus denen Schiffsbetreiber Krisenregionen meiden. Für die Branche heißt das, Risiken weiterhin transparent zu klassifizieren, flexible Lösungen anzubieten und zugleich die Schwachstellen globaler Lieferketten als strategische Aufgabe zu adressieren — über reine Versicherungsmechanismen hinaus.

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